KFO auf Passhöhe – das 44. KFO Symposium in Lech vom 27.01. bis 1.02.2019

Ein Schwerpunkt: Invisalign

Dr. Thomas Drechsler ist Fachzahnarzt für Kieferorthopädie. Er gehört mit weit über 2.000 erfolgreich behandelten Patienten zu den versiertesten Invisalign-Anwendern in Europa. Für seine Forschungsarbeit wurde er 2014 mit dem „Wissenschaftspreis der Deutschen Gesellschaft für Aligner-Orthodontie“ und 2016 mit dem „Invisalign Research Award“ ausgezeichnet. Der Wiesbadener Kieferorthopäde wird durch sein Referat „Invisalign – Update der letzten Entwicklungen“ die Teilnehmer des 44. KFO-Symposiums in Lech über die ebenso zukunfts- wie Patienten-orientierten Behandlungsoptionen der Aligner-Therapie informieren. Dass gerade diese Fortbildung der Haranni Academie den Anspruch „KFO auf Passhöhe“ erfüllt, zeigen seine seit 2001 gesammelten Erfahrungen mit der Invisalign-Behandlung und das nachfolgende Interview mit Dr. Drechsler.

Welche Invisalign-Entwicklungen werden im Fokus Ihres Referates stehen?

Dr. Drechsler: Invisalign ist nach meiner Einschätzung das zurzeit innovativste KFO-Behandlungssystem, dessen Potenzial auch noch lange nicht ausgeschöpft scheint. Seit ich im Jahr 2012 mein letztes Referat zu diesem Thema in Lech gehalten und unter anderem über das damals neue Attachmentsystem berichtet habe, hat es kontinuierlich Neuentwicklungen gegeben, über die ich dieses Mal referieren werde. Angefangen beim Smart Track Material, über Innovationen für die Tiefbiss-Behandlung im Jahr 2014 und dem ein Jahr später eingeführten 3D-Control-ClinCheck. Diese Behandlungssimulation ermöglicht es uns erstmals auf den Diagnostik basierenden Erkenntnissen interaktiv eine hochpräzise Behandlungsplanung zu erstellen, die die Zähne auf einen Zehntelmillimeter genau in ihre geplante Endposition bringt. Dadurch wurden die klinische Umsetzung und die Kommunikation mit dem Techniker erheblich vereinfacht. Des Weiteren werde ich den Einsatz von Intraoral-Scannern thematisieren, die zunehmend in den digitalen Workflow eingebunden sind.

Andere Schwerpunkte sind die Behandlungen von Distalbisslagen bei Jugendlichen mit dem 2017 eingeführten Mandibular-Advancer (Mandibuläre Protrusion ) sowie das ganz aktuell vorgestellte Invisalign First-Produkt zur Frühbehandlung für Kinder schon ab 8 Jahren als mögliche Alternative zu einem funktionskieferorthopädischen Gerät.

Invisalign hat die Teen-Treatments für jugendliche Patienten eingeführt. Was bedeutet diese Innovation für die KFO-Praxis und waren Sie an der Entwicklung beteiligt?

Dr. Drechsler: Die Ideen für Neuentwicklungen kommen immer aus dem Anwenderkreis.

In meiner Praxis haben wir u. a. schon sehr früh damit begonnen, die Aligner mit intermaxillären Gummizügen zu verbinden und dafür sogar spezielle Zangen entwickelt, um in den Alignern Laschen und Ausschnitte zu erzeugen. Obwohl die Aligner dafür zunächst gar nicht gedacht waren, wurde diese Idee aufgenommen und bereits ab 2009 mit Einführung des Invisalign-Teen-Produkts, der Wunsch nach werkseitig gefertigten Laschen und Ausschnitten für geklebte Knöpfe zur Verankerung von intermaxillären Gummizügen erfüllt. Auf diese Weise wurde es noch einfacher Bisslagekorrekturen vorzunehmen.

Diese Idee wurde Ende 2017 noch weiterentwickelt, sodass man jetzt – und das ist das neueste Feature, über das ich sprechen werde – mit dem Mandibular Advancer (MA oder MP) durch die Anbringung von sogenannten Precision-Wings, also rampenförmigen Ausstülpungen im bukkalen Seitenzahnbereich der Aligner auf intermaxilläre Gummizüge zur Klasse II-Korrektur weitgehend verzichten kann.

Ziel solcher Innovationen ist immer, den Indikationsbereich der Aligner Anwendung ständig zu erweitern und die Vorhersagbarkeit der klinischen Ergebnisse noch zuverlässiger zu gestalten. Wie kein anderes Unternehmen kann der Hersteller Align Technology dafür auf eine Datensammlung von bisher fast sechs Millionen Patientendaten von weltweit etwa 60.000 aktiven Behandlern zurückgreifen.

Für welche Indikationen eignen sich die Teen-Treatments besonders und wie lange dauert die Behandlung?

Dr. Drechsler: Über die bereits geschilderten Indikationen hinaus sind die Teen-Treatments besonders indiziert für Kinder und Jugendliche, die viel Sport treiben und dabei einen Mundschutz tragen, die ein Blasinstrument spielen, im Internat sind oder vielleicht zwischendurch auch mal einen längeren Auslandsaufenthalt planen. Die Aligner können leicht zum Essen und Zähneputzen herausgenommen werden, sind nahezu unzerbrechlich und die Behandlung kann über mehrere Monate im Voraus geplant und durchgeführt werden. Invisalign ermöglicht uns also auch Patientengruppen zu behandeln, die mit einer festsitzenden Apparatur eventuell Schwierigkeiten hätten. Insbesondere aber lässt sich während der Aligner-Therapie eine deutlich einfachere Mundhygiene umsetzen gegenüber der Behandlung mit festsitzenden Apparaturen. Erste Forschungsergebnisse, die wir in einer großangelegten prospektiven Studie zusammen mit der Universitätsmedizin Mainz erhalten haben, zeigen dabei ein deutlich geringeres Demineralisationsrisiko während der kieferorthopädischen Aligner-Behandlung bei Kindern und Jugendlichen.

Welchen Rat geben Sie Ihren Kurs-Teilnehmern mit auf den Weg?

Dr. Drechsler: Trotz Digitalisierung, Automatisierung und Visualisierung ist immer noch eine sorgfältige Planung auf Basis einer fachgerechten, umfänglichen Diagnostik unter Berücksichtigung der biologischen Grundlagen, der Biomechanik, der anatomischen Strukturen, der Ästhetik und insbesondere der Funktion durch den KFO-Fachzahnarzt unverzichtbar. Und der muss sich mit Sachverstand, Erfahrung und Enthusiasmus aber auch mit aller Vorsicht verantwortungsvoll für das Wohl des Patienten einsetzen. Die Vorstellung, dass Algorithmen gesteuerte, bunte Behandlungssimulationen auf dem Computerbildschirm, vollautomatisierte Fertigungsprozesse und das Austeilen und Verkaufen von Plastikschienen durch Jedermann die Zukunft der Kieferorthopädie darstellen wird, ist falsch und gefährlich.