In diesem KFO-Curriculum hat der Praxisbezug Vorrang

Im Gespräch: Prof. Dr. Rolf Hinz über Inhalte und Bedeutung des Behandlungsschwerpunkts Kieferorthopädie

Wer als zahnarzt kieferorthopädisch tätig sein will, muss sich fortbilden. Muss sein theoretisches Wissen über die Ursachen von Kieferanomalien, über Wachstumseinflüsse und über die zur Zahnbewegung notwendigen Kräfte auffrischen. Muss praktische Erfahrungen sammeln und lernen, seine grenzen zu erkennen. Denn auch die Fähigkeit zur selbstkritischen Einschätzung gehört zu einer verantwortungsvollen KFO-Behandlung.

Mit dem Curriculum Kieferorthopädie bietet die Haranni Academie, Herne, Zahnärzten eine praxisorientierte postgraduierte Ergänzung zum Studium der zahnheilkunde, von der auch angehende Kieferorthopäden profitieren. Über die fachlichen Inhalte und die Bedeutung des Behandlungsschwerpunkts Kieferorthopädie für die Praxis und für die Patienten sprach die DZW Die ZahnarztWoche mit dem Fachzahnarzt für Kieferorthopädie, Gründer und Referenten des Herner Fortbildungsinstituts, Prof. Dr. Rolf Hinz.

Seit wie vielen Jahren führen Sie in der Haranni Academie das Curriculum KFO durch, und wie viele Teilnehmer haben Sie bisher fortgebildet?

Kieferorthopädische Fortbildungskurse führen wir seit 1975 durch, also seit dem Jahr, in dem die KFO Kassenleistung wurde. Neben unzählichen Einzelkursen zu verschiedenen kieferorthopädischen Themen haben wir zunächst in mehrtägigen Kursen und später im neuntätigen Curriculum rund 2.000 Zahnärzte und in Ausbildung stehende Kieferorthopäden geschult. Insgedamt haben allerdings bis heute bereits 130.000 Teilnehmer unsere zahnmedizinischen und zahntechnischen Fortbildungskurse besucht.

Worauf führen Sie diesen Erfolg zurück?

Grundsätzliche Voraussetzungen für den Erfolg war und ist die Freue an der Kieferorthopädie und an der Lehre. Die absolute Praxisorientierung, der hohe Qualitätsanspruch und die individuelle Beratung der Behandlungsfälle unserer Kursteilnehmer gehören ganz sicher ebenso zu den Erfolgsfaktoren unserer KFO-Fortbildungen wie die praktischen Übungen, die sich wie ein roter Faden durch unsere Seminare ziehen. Zurückblickend kann ich sagen, dass auch eine ordentliche Portion Mut und Innovationsfreude zu den Erfolgsbausteinen gehörten. Ganz wesentlich für die positive Entwicklung unserer Fortbildungsinstituts waren letzlich aber der steigende Behandlungsbedarf und die längeren Wartezeiten für Patienten. Beudes veranlasste im Laufe der Jahre viele Zahnärzte, sich kieferorthopädisch fortzubilden und/oder sich für eine curriculare postgraduierte Fortbildung zu entscheiden.

Worauf legen Sie in dieser Fortbildungsreihe besonderen Wert, und was können Ihre Kursteilnehmer an Mehrwert - auch gegenüber anderen Fortbildungsinstituten - vom Curriculum der Haranni Academie erwarten?

Wichtig ist uns, Zahnärzten neben der Vertiefung Ihrer KFO-Grundkenntnisse auch neues Fachwissen und die Erkenntnis zu vermitteln, nur überschaubare einfache Fälle im Milch- und im Wechselgebiss zu behandeln und – weil sie die Kinder als Erste sehen – der kieferorthopädischen Prophylaxe besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Darüber hinaus legen wir besonderen Wert auf praktische Übungen zur Aufstellung der Behandlungspläne und zur Planung der indizierten Behandlungsmittel. Beides soll – wie unser Angebot zur Beratung für laufende Fälle – den Kursteilnehmern die notwendige Sicherheit für den Praxisalltag gegen.

Zielgruppe für das Curriculum sind Zahnärztinnen und Zahnärzte. Gleichzeitig sprechen Sie aber auch Zahnärzte in der Weiterbildung an. Was "lernen" angehende Kieferorthopäden im Curriculum zusätzlich?

Das postgraduierte KFO-Curriculum umfasst neben unterschiedlichen Behandlungsmitteln, die an der Uni nicht thematisiert werden, diagnostische Maßnahmen und präventive sowie interzeptive Behandlungen, die zum erweiterten Behandlungsspektrum gehören, aber zum großen Teil aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen herausgenommen wurden. Darüber hinaus machen wir die Kursanten mit der Aufstellung von Behandlungsplänen unter Berücksichtigung der Berechnung von Schwierigkeitsgraden und der Einstufungen in das KiG-System genau so vertraut wie mit der Beratung der Patienten beziehungsweise Eltern.

Welches Gewicht hat der Tätigkeitsschwerpunkt KFO in der zahnmedizinischen Landschaft und vor allem für Patienten?

Zahnmedizin ist ohne Prävention heute nicht mehr denkbar und ein Grund dafür, dass gerade beim Tätigkeitsschwerpunkt KFO präventive und interzeptive Behandlungen im Fokus stehen. Für Patienten und Eltern ist es wichtig zu erfahren, dass sich ihr Zahnarzt kieferorthopädisch fortgebildet hat und sie von ihm eine fachliche fundierte Beurteilung oder auch Behandlung erwarten können.

In Ihrer Kursausschreibung heißt es unter anderem, dass Grenzen für Behandlungsfälle aufgezeigt werden. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Grenzen und zukünftigen Schwerpunkte für Zahnärzte, die sich kieferorthopädisch fortgebildet haben?

Zahnärzte werden von uns motiviert, in erster Linie leichte Zahnfehlstellungen mit herausnehmbaren Geräten zu behandeln und prophylaktisch tätig zu sein – beispielsweise Vorschulkindern schädliche Habits wie Lutschen und offene Mundhaltung abzugewöhnen. Behandlungen nach abgeschlossenem Zahnwechsel sollte den Fachzahnärzten überlassen werden.

Wie bereiten Sie Ihre zahnärztlichen Kollegen auf die Umsetzung der kieferorthopädischen Maßnahmen in ihrer Praxis vor?

Ziel dieses Curriculums ist es, den Teilnehmern Sicherheit für die Gesamtbetreuung ihrer Patienten zu geben. Dazu gehören zusätzlich zum Mehr an Fachwissen vor allem praktische Übungen. Im KFO-Curriculum der Haranni Academie beginnen diese bereits bei der Befunderhebung mit der Modellanalyse und der Fernröntgen-Diagnostik. Die Übungen setzen sich in einem zweitägigen praktischen Arbeitskurs fort, bei dem jedem Kursteilnehmer im Schulungslabor ein eigener Arbeitsplatz zur Verfügung steht, und reichen bis zur Retainer-Herstellung und -Befestigung. Kleine orthodontische Maßnahmen, wie das Anpassen und Aufsetzen der Molarenbänder, das Kleben von Brackets am Modell sowie die Herstellung verschiedener Bögen oder das Einbringen von Druckfedern beziehungsweise elastischen Materialien zum Lückenschluss und die Molarenaufrichtung gehören zu den praxisbezogenen Höhepunkten des Curriculums.

Der wirtschaftliche Erfolg der Praxis ist heute wichtiger denn je. Die Erwachsenenbehandlung ist privatleistung. Aber auch für Kinder sind viele KFO-Behandlungen aus dem Leistungskatalog der KGV gestrichen worden. Gehören Abrechnung und die "Verkaufsargumentation" auch zur curricularen Fortbildung?

Nein. Wichtig ist aber, dass der Zahnarzt oder angehende Kieferorthopäde die Abrechnungsbestimmungen kennt und den Eltern GKV- und Privatleistungen erläutern kann. Abrechnungsbestimmungen und Richtlinien der KFO-Behandlung sind daher fester Bestandteil der curricularen Fortbildung in Herne.